Was hat uns Corona über die agilen Werte gelehrt?

von Lars Guillium am 16. August 2021

In Zeiten von Corona und Homeoffice haben wir alle einiges gelernt, auch wenn wir uns dessen vielleicht gar nicht bewusst sind. Nicht nur die Teams, sondern auch die Coaches haben während der Pandemie lernen müssen, mit den veränderten Bedingungen umzugehen. Dabei hat sich ein zentraler Faktor herauskristallisiert.

VERTRAUEN

Das Gespräch auf dem Gang, der Weg zum Kaffeeautomaten oder zum Mittagessen mit den Kollegen, der Smalltalk und die Gespräche von Angesicht zu Angesicht sind uns allen so vertraut gewesen, dass wir sehr schnell feststellen mussten, wie sehr uns diese Dinge in unserem Arbeitsalltag doch fehlen.

Doch was genau passiert eigentlich in diesen scheinbar so unwichtigen Momenten, in denen wir uns persönlich begegnen und ganz beiläufig Informationen austauschen?

Es entsteht genau das, was man den sozialen Kitt oder Kleber innerhalb eines Teams nennt. Wir bauen Vertrauen auf. Denn auch die nonverbale Kommunikation, die Körperhaltung, der Gesichtsausdruck, die Aufmerksamkeitsreaktionen des Gegenübers – all das spielt in unsere Wahrnehmung mit hinein und ist mit dem plötzlichen Wechsel in die Remote-Arbeit weggefallen.

AGILE WERTE

Und eben dieses Vertrauen ist es, was die Basis für jedwede Zusammenarbeit stellt. Alle agilen Werte ordnen sich dieser Basis unter. Man kann nur mutig sein, wenn man darauf vertraut, dass das Gegenüber einen versteht. Über Offenheit und Respekt muss ich in diesem Zusammenhang gar nicht erst reden, denn es versteht sich von selbst. Aber auch das Commitment – also der gemeinsame Zusammenhalt, den das Team verspürt, wenn es sich auf ein gemeinsames Ziel verpflichtet – lebt unmittelbar vom Vertrauen in die anderen Teammitglieder. Einzig beim Wert Fokus könnte man abwinken und auf die Vorteile von Corona und Homeoffice verweisen. Allerdings ist auch das ein Trugschluss. Es erfordert kontinuierliche Abstimmung im Team, um die wichtigsten Themen aus dem Sprintbacklog abzuarbeiten. Das geht weit über das Daily hinaus. Die Situation, in der sich das Team lediglich zum Daily trifft und nach dem jeder für sich scheinbar fokussiert an seinem Thema arbeitet, entspricht nicht dem Gedanken von Teamwork. Denn so fangen wir viele Themen an und es ist fraglich, ob sie zum Ende einer Kadenz oder eines Sprints fertig werden. Um im Grundsatz von Kanban zu sprechen: Stop starting – Start finishing.

COACHING

Und was macht der Agile Master, Scrum Master, Agile Coach in so einer Situation?

Gerade die Arbeit des Coaches ist in einem remote-arbeitenden, agilen Team um einiges herausfordernder. Vertrauen zu einem völlig fremden Menschen aufbauen über eine virtuelle Verbindung (und nein – die Kamera allein reicht hier nicht aus, um die persönliche Distanz zu kompensieren) ist und bleibt eine der schwierigsten Aufgaben, der man als Coach während der Pandemie begegnen konnte.

Corona und die Remote-Arbeit haben uns gelehrt, dass die agilen Werte umso wichtiger werden, je distanzierter das Team zueinander ist. Räumliche Distanzen sind schwierig genug, werden aber durch die virtuelle Zusammenarbeit schnell auch zu persönlichen Distanzen.

Falsche Attributionen führen uns schnell in Situationen, aus denen ernsthafte Krisen entstehen können. Wie oft geht man aufgrund von schlechter Kommunikation, oder auch Ablenkung, aus einem Meeting heraus oder in ein Meeting hinein und ärgert sich schon über den Kollegen oder die Kollegin, bevor die Arbeit überhaupt begonnen hat? Häufig findet solcher Ärger aber nur in unserer Vorstellung seinen Raum. Themen, die plötzlich zu Problemen werden, die sie im direkten Kontakt niemals geworden wären.

Teams, die aus einem traditionellen Umfeld in eine agile und selbstorganisierte Arbeitsumgebung wechseln sind besonders gefährdet und fallen häufig in alte Verhaltensmuster zurück. Aber der Umstieg ist möglich – auch remote.

WAS LERNEN WIR DARAUS?

Das Wichtigste dürfte sein, dass man sich Zeit nimmt. Zeit füreinander, Zeit für das Team und Zeit für sich selbst. Perspektivwechsel – auch begleitete durch den Coach oder Scrum Master – werden im Arbeitsalltag immer wichtiger.

Ehrlichkeit und Offenheit werden essenziell, denn nur durch klare Worte und ohne Hintergedanken, politische Ränkespiele oder Intrigen, kann eine vertrauensvolle Zusammenarbeit auch remote funktionieren. Sonst sind falschen Attributionen von vornherein Tür und Tor geöffnet.

Das schürt Konflikte, denen man begegnen muss. Auch hier sollte sich das Team einen Scrum oder Agile Master als Schlichter oder Moderator leisten.

Regelmäßige Retrospektiven runden das Bild ab.


Das, was uns im Scrum bereits innerhalb des Frameworks begegnet, ist aus Sicht eines remote arbeitenden Teams noch wichtiger geworden, und zwar unabhängig davon, ob es nun agil arbeitet, oder nicht.

BEISPIELE

Was sagt uns denn die Praxis? Manche Teams treffen sich vor dem Daily zehn Minuten früher und finden Zeit, sich über persönliche Dinge auszutauschen: Zwangloses Geplauder über den Urlaub, die Bundesliga, das letzte Wochenende, die Familie, was auch immer – alles ganz in Ruhe bei einer Tasse Kaffee.

Andere Teams verabreden sich zu gemeinsamen Mittagessen, After-Work-Veranstaltungen oder ähnlichem. Was immer wir uns für die Teams auch ausdenken – diese gemeinsame Zeit hilft sehr dabei, ein Team zu formen und das Gruppengefühl zu stärken.


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